Olaf Grewe

Mein Eindruck

Die Krisen der Neuzeit

Unter dem Titel „Die Krisen der nächsten Gesellschaft“ hielt Prof. Dr. Dirk Baecker, Soziologe und Kulturtheoretiker an der Zeppelin University in Friedrichshafen, am ZPRG Anlass am 15. Juni einen sehr dichten und theoretischen Vortrag.  Er gab weniger konkrete Tipps, dafür einen ganzen „Sack“ voll Inspirationen und Gedanken, die es wert sind, weiter verfolgt zu werden. 

Einer dieser Gedanken ist, dass Krisen der Zukunft durchrauschende „Singularitäten“ sind. Marie-Christine Schindler diskutierte mit mir, ob aus Krisen nicht mehr genug gelernt wird und wie sich Krisen heute verhalten. Ich bin der Ansicht, dass Krisen heute oftmals gar keine „echten“ Krisen sind. Vielmehr sind es Ereignisse, die in einem bestimmten Umfeld als Krise wahrgenommen werden und dann durch das Verbreitungsmedium Internet rasant schnell zu einer grossflächigeren Bekanntheit gelangen als in der Prä-Twitter-Ära. Allerdings verblassen diese Krisen danach genauso schnell wieder.

Trendistic.com Graph, der den prozentualen Anteil an Tweets zu einem Thema an der Gesamtmenge aller Tweets darstellt.

Anzahl der Tweets zum Thema Weiner über den Zeitraum der letzten 30 Tage. via http://trendistic.com/

Im Fall des US-Kongressabgeordneten Lawrence Weiner verlief die Krise recht schnell: Tauchte die Causa am 29.5. auf, dümpelte sie recht lange im vagen Bereich vor sich hin. Erst die Aussage, er habe Fehler gemacht, bescherte einen Tweet-Anteil von knapp einem Prozent an allen Tweets des Tages. Danach ist das Thema bis heute relevant und erreichte am 16. Juni wieder einen Peek mit der Rücktrittsmeldung. (siehe Grafik links)

Von grossen Krisen
Fukushima ist ein gutes Beispiel dafür, dass globale Krisen mit hoher Relevanz auch in der modernen Zeit langfristig nachhallen können – auch wenn der Anteil von Fukushima Tweets an der Gesamtmasse deutlich abnimmt. Denn im Falle Fukushimas wurde aus der Krise gelernt, es war eine wahre grosse Krise und auch heute noch hat diese Krise eine Relevanz – nicht nur online. Allerdings bricht die Popularität einer solchen Krise heute nach einem gigantischen Hype sehr schnell ein und geht – zumindest digital – vergessen.

Nehmen wir als Beispiel die ganzen Fälle von Falschmeldungen, etwa der vermeintliche Tod eines Promis. Kaum twittert ein Depp, dass Jonny tot sei, steigt die Anzahl der Tweets in ungeahnte Höhen. Nicht selten finden diese Meldungen auch Eingang in die Printmedien – aber das ist ein anderes Thema. Kommt wenig später heraus, dass die Community einem Spassvogel zum Opfer gefallen ist, rührt kein User mehr dazu seine Tastatur an. Doch bei der nächsten Falschmeldung geht das Spiel von vorne los.

Grafik des Verlaufs der Tweets zum Thema EHEC.

Anzahl der Tweets zum Thema EHEC über den Zeitraum der letzten 30 Tage. via http://trendistic.com/

Das Beispiel EHEC – als eher europäisches Thema – zeigt den Krisenverlauf in der Twitter-Ära deutlich. Am 24 Mai schoss der Anteil der EHEC-Tweets an allen gesendeten Kurznachrichten auf 0.02% hoch und gipfelte am 10. Juni bei rund 0.05%. Danach hat das Thema kaum noch Relevanz. (siehe Grafik rechts)

Fazit
Das heisst also für mich:

  • Fragmentierte Stakeholdergruppen – Krisen, wenn auch nur kleine und eventuell nur persönliche Krisen, können durch die neuen schnellen und kostengünstigen Verbreitungswege zu einer grossen Popularität gelangen. Das ist eine neue Art der Krise: Stakeholder, die vorher keine waren, müssen informiert werden. Heisst also konkret: Zuhören und reagieren.
  • Rückbesinnung auf die eigene Vernunft – Prof. Baecker hat es im Vortrag deutlich gemacht: Wir müssen lernen, auch in Krisen uns auf unseren eigenen Verstand rückzubesinnen. Unser Hirn muss dazu allerdings lernen, die von uns willfährigen Vernunftsmenschen aufgesogenen Informationsflut aus Twitter und Co. auch einmal zu ignorieren. Denn dann kann es dazu kommen, dass wir erkennen, dass die Krisen gar nicht so relevant sind, wie sie scheinen.
  • Geduld – Wenn eine Nachricht nicht einmal 24 Stunden überdauert, hat sie keine Relevanz. Also nicht gleich auf das Thema aufsatteln, sondern anschauen, bewerten und dann agieren. Und das mit der nötigen Ruhe und Gelassenheit, aber definitiv mit strikten Regeln, wann eine Krise eine Krise ist. Konkret: Definieren von Faktoren, die für mich und meine Organisation aus einem Issue eine Krise macht.
  • Auswahl – Nicht jeder Tweet, jeder Post oder Blogbeitrag muss beantwortet werden. Allerdings sollte allen Kommunikatoren klar sein, wer was wann zu sagen hat. Wie die Botschaften verbreitet werden und dann auch an wen. Konkret heisst das: Klare Social Media Guideline,  Krisenkommunikationsguidelines und Manuals sind unumgänglich.
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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 17. Juni 2011 von in PR&Kommunikation und getaggt mit , , , , , , .
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