Olaf Grewe

Mein Eindruck

Digitaler Gatekeeper

Damals im Studium fand ich das Gatekeeper Prinzip irgendwie doof. Mindestens genauso doof fand ich die Schweigespirale. Vor allem, weil ich diese Prinzipien zu banal fand. Nun, fast fünfzehn Jahre nach Studiumsabschluss, muss ich sagen, diese beiden Prinzipien gelten. Absolut.

Die Tür im Kopf

gatekeeperWissenschaftlich werde ich hier nicht, dafür gibt es Unis und Wikipedia. Nein, mich beschäftigt vielmehr, wie sehr ich in der heutigen Zeit dabei bin, den Gatekeeper im Kopf zu haben, der Relevantes von Irrelevantem trennt, aber auch gleich sagt: Nein, diesen Gedanken lasse ich nicht zu. Zu der Überlegung kam ich, weil mir folgendes klar wurde: Kann man am Stammtisch (wo denn auch sonst) oder in kleinen Gruppen durchaus kontrovers diskutieren, so kann man das im Internet in den sozialen Medien fast nicht mehr. „Oh doch, das kann man“, höre ich den virtuellen Aufschrei bis hier hin…

Doch, meine lieben Leser, es ist so. Nehmen wir das Beispiel der Terroranschläge, vornehmlich die des IS. Ich habe beruflich leider erleben müssen, wie ein Café eines Kunden am anderen Ende der Welt von einem Islamisten ausgesucht wurde, um seine wirren Thesen mit Waffengewalt zu „präsentieren“. Leider starben Personen auf brutalste Art und Weise bei dieser Geiselnahme, die ich für den Kunden zu kommunizieren hatte. Ich habe erlebt, wie schlimm und grausam solche Vorfälle für die Betroffenen sind, aber auch für die beteiligten Unternehmen und die Öffentlichkeit. Als kurze Zeit später in Paris Charlie Hebdo attackiert wurde und der Terror unsere französischen Freunde akut heimsuchte, wurde das Unverständnis meinerseits gegenüber dem blanken Hass immer tiefer. Ich begriff es nicht und begann, mich mehr damit auseinander zu setzen. Kurzum, ich hatte mir eine Meinung gebildet. Doch habe ich diese nicht digital geteilt – was ich normalerweise tue.

Warum nicht? Ich wollte keine Prügel beziehen, weil ich einige Dinge, Aktionen und geltende Ansichten anders, differenzierter sah. Ein anderer Blickwinkel, auch nur Millimeter vom Common Sense entfernt, wäre einem digitalen Selbstmord gleich gekommen.
Glaubt Ihr nicht? Dann schaut Euch x-beliebige Facebook Posts und Kommentare an, wenn es um das geht, was Satire darf und was nicht.

Die Reaktion der digitalen Community erinnerte mich sehr an den bedingungslosen Rachewunsch nach 9/11, wie ausgedrückt in diesem Video. Der Gatekeeper im Kopf verhinderte also, dass ich mich digital selber meuchelte. Gut, denn alles hat seine Zeit, um es zu diskutieren.

Das Schweigen im Kopf

Der Gatekeeper ist ja auch (eigentlich vornehmlich, wenn man sich die Theorie anschaut) eine gute Bremse, um nicht jeden Schrott digital zu verwursten und Timelines zu behelligen. Deswegen mag ich ihn ja auch. Was ich ebenfalls beobachte, ist eine stetig schneller werdende Schweigespirale bei Usern, die der digitale Mob anfeuert.

1931_Frankenstein_img43Unzählige Beispiele finden sich dazu in den Kommentaren auf 20min.ch oder blick.ch oder bild.de oder oder oder… Es werden nicht nur andere Meinungen kaum zugelassen, vielmehr diskutieren hier die eigentlichen Wissensträger gar nicht mehr. Das wird eh nicht beachtet. Die Diskussionen mit sittlichem Nährwert finden in den Blogs oder Foren statt, die sich ohnehin an ein Fachpublikum richten.

Summa summarum

Zusammengefasst kann man sagen: Genau richtig, die Prinzipien funktionieren und das genauso, wie der User es braucht. Der Gatekeeper blockiert, um keinen Unsinn zu verzapfen und Schrott zu teilen, die Schweigespirale fördert Fachdiskussionen auf diversifizieren Plattformen.

Nun ja, sagt da mein alter ego. Bringen es Pseudodiskussionen auf dem Niveau von „ey Alder, das siehste total falsch, du Opfer“, um Meinungen mit Rezipienten zu diskutieren? Nö. Bringt es etwas der Allgemeinheit, wenn sich Nerds in endlos Disputen in Fachforen zu Tode disputieren? Nö.

Jetzt kommt das grosse ABER. Aber es ist eigentlich richtig so, wie es ist. Ich wünsche mir nur etwas mehr Mut, andere Meinungen zu akzeptieren und zu äussern. Und ich wünsche mir mehr Mut, seine eigene Meinung kritisch zu hinterfragen und auch einmal zu ändern, wenn gute Argumente vorliegen. Denken hilft nämlich manchmal.

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Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 31. Januar 2015 von in PR&Kommunikation.
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